{"id":30,"date":"2015-01-09T17:33:23","date_gmt":"2015-01-09T17:33:23","guid":{"rendered":"http:\/\/mo-fontaine.de\/?page_id=30"},"modified":"2023-01-27T17:51:29","modified_gmt":"2023-01-27T17:51:29","slug":"puppen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/mo-fontaine.de\/?page_id=30","title":{"rendered":"Puppen"},"content":{"rendered":"<p>Zu meinem 15. Geburtstag durfte ich mir auf dem Metzer Flohmarkt eine alte Puppe aussuchen. Ich erinnere mich noch, dass es leicht nieselte. Und irgendwo zwischen Kisten und K\u00e4sten, Kartons und Kleiderst\u00e4ndern entdeckte ich sie dann, meine wundersch\u00f6ne Puppe. Sie war allerdings etwas ramponiert &#8211; mit verfilzter Per\u00fccke und zerschlissenem Spitzenkleid. Sie wirkte fragil, verletzlich und etwas morbide &#8211; und l\u00f6ste damals sofort meinen Besch\u00fctzerinstinkt aus.<\/p>\n<p>Aus der Modepuppe entwickelte sich im 19. Jahrhundert die Puppe der Kinderstube, mit der das heranwachsende M\u00e4dchen damals \u00fcbrigens bis zur Pubert\u00e4t spielte. Danach verschwand das Spielzeug in Kartons, in Schr\u00e4nken und auf Dachb\u00f6den.<br \/>\nDie Puppen, die ich als Modelle ausw\u00e4hle, sind ausnahmslos zwischen 1900 bis 1930 entstanden. Dabei ist es mir ein Anliegen, jede einzelne Puppe in einem ihr eigent\u00fcmlichen Farbraum darzustellen.<br \/>\nDas gelingt mir m\u00f6glicherweise durch die Verwendung <strong>subjektiver Farben<\/strong>, d.h. einer Vielzahl warmer und kalter Farbnuancen und Farbkontraste, die von den realen Farben stark abweichen k\u00f6nnen.<br \/>\nBei Puppen handelt es sich um staunenswerte Gebilde, um eigent\u00fcmliche <strong>Zwitterwesen<\/strong>. Irgendwo zwischen Mensch und Ding verortet, gleichen ihre Physiognomie-Daten eher stereotypen Bildformeln. Eine wichtige Eigenart, das Moment des Einzigartig-Zuf\u00e4lligen, die sogenannte Okkasionalit\u00e4t, die das Individuum als unverwechselbare Person ausweist, scheint den Puppen zu fehlen. Und trotzdem wirken gerade alte Puppen auf magische Weise beseelt.<br \/>\nDie Ebenm\u00e4\u00dfigkeit der Gesichtsz\u00fcge, die Reglosigkeit der teilweise ramponierten K\u00f6rper, die verwischten Bemalungen im Bereich der Wimpern und Augenbrauen, die knospenartigen M\u00fcndchen, die makel- und faltenlose Gl\u00e4tte der Gesichts-Oberfl\u00e4chen, auch die verstaubten Per\u00fccken-Frisuren und zerschlissenen Kleidchen l\u00f6sen beim Betrachter mitunter eine Skala starker Gef\u00fchle aus: von Besch\u00fctzerinstinkten, gepaart mit puppenm\u00fctterlicher W\u00e4rme und Gl\u00fcckseligkeit, Sehnsucht nach Geborgenheit, bis hin zu Unlust, Unbehagen, Schrecken, Ablehnung und Ekel.<\/p>\n<p>Meine gemalten Puppen w\u00fcrde ich nicht als sch\u00f6n bezeichnen. Sie l\u00f6sen als Vanitas-Symbole und Metaphern f\u00fcr Verg\u00e4nglichkeit mit ihren fehlenden oder verdrehten Gliedern, Verschmutzungen, sprich: ihrer mangelnden Perfektion eher Unbehagen aus. Aus den Puppengesichtern blickt eine fremde Kindheit zu uns her\u00fcber: Fragil, verletzlich, melancholisch \u2013 und dennoch ungeheuer pr\u00e4sent, kraftvoll, sogar tr\u00f6stlich.<br \/>\nUnd all diese Gef\u00fchle verm\u00f6gen es vielleicht, ein Tor zu \u00f6ffnen: zu unserem eigenen, weit entfernten Kinder-Ich &#8211; und vielleicht auch zu der l\u00e4ngst verlorenen Kindheit unserer M\u00fctter und Gro\u00dfm\u00fctter.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu meinem 15. Geburtstag durfte ich mir auf dem Metzer Flohmarkt eine alte Puppe aussuchen. Ich erinnere mich noch, dass es leicht nieselte. Und irgendwo zwischen Kisten und K\u00e4sten, Kartons und Kleiderst\u00e4ndern entdeckte ich sie dann, meine wundersch\u00f6ne Puppe. 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