Fische

Fische – jene Lebewesen aus dem Element Wasser – üben auf uns Menschen seit jeher eine große Faszination aus. Sie sind schön anzuschauen mit ihrer stromlinienförmigen Gestalt und der fremdartigen Farbigkeit ihrer Außenhaut.
In Aquarien gelten Fische für manche Zeitgenossen vielleicht sogar als lebendig-schillernde Skulpturen oder Perpetuum Mobiles in einem geheimnisvollen blauen Farbraum.

Unsere Mitgenossen, die Tiere, oftmals von uns Menschen aus unserer persönlichen, bewussten Welt vertrieben und ausgegrenzt, sind dennoch präsent: Sie wohnen unauslöschbar in uns: In Träumen und in Bildern sind sie Gleichnisse für unsere innere Gestalt.
Fische gelten seit uralten Zeiten als Fruchtbarkeitssymbol. Dass man freitags Fisch isst, geht letztendlich auf Venus bzw. Ischtar, die babylonische Fischgöttin, zurück.
Fische symbolisieren ein Leben aus der Tiefe unserer Seele und Gefühle, denn Fische leben, in Analogie dazu, in den Tiefen des Wassers. Sich „wie ein Fisch im Wasser“ fühlen bedeutet, in seinem Element, in seiner Mitte zu sein.
Das Merkmal der Fische ist die Totalität, da sie gänzlich von Wasser umgeben sind, jenem fließenden Element, das für unsere Gefühlswelt steht.

Fische schlafen übrigens mit offenen, lidlosen Augen und bleiben so immer empfänglich für die Außenwelt. Daher stehen sie als Metapher und Traumsymbol für eine hohe Sensibilität .
In der analytischen Psychologie stehen Fische für den Gefühlsbereich der Sexualität. Nach C.-G. Jung stehen sie zugleich für Gedanken und Ahnungen, die aus dem Unbwussten aufsteigen.

Aber Fische sind auch kalt und unfassbar: Ans Land gespült und ihres feuchten Elements beraubt müssen sie im Sinne eines Memento Mori sofort sterben und vergehen.

 Fishing for complicity

Schöne Augen, große Augen, aber nicht attraktiv, sondern hypnotisch. Auch um die Farben, die sich magisch schön ineinander weben, braucht sich Monika Fontaine nicht zu kümmern. Das Naturschöne ihrer Fische wirkt aus sich, zieht in sich. Das ganze passt so wunderbar ins Ambiente, fast in jedes: Ton in Ton, gedeckte Farbe. Es schleicht sich ein in jeden Alltag, in jede Wellness, in jedes Wohnzimmer.

Wären da nicht die Augen. Das ist Drama. Das macht aus diesen trockengelegten Schönheiten vanitas pur, das macht sie zu Opfern und zur Quintessenz von Vergänglichkeit. Wer hätte gedacht, dass es dafür keiner üppigen Arrangements von Niederländern bedarf, sondern bloß eines Augenblicks, aus dem Auge eines Fischs?

Das sind nur zwei der wesentlichen Dimensionen von Fontaines Kunst: Die eine lädt ein: Symmetrie, Halbprofil, Ton in Ton und Harmonie. Die andere Seite aber stört, lässt nichts davon genießen, kippt die Deko ins Erlebnis. Wer genauer hinschaut, sieht noch mehr: Fontaine malt nicht gegenständlich, sie malt abstrakt. Es gibt zwar Farbe und Form, aber es gibt kein Oben, kein Unten, es gibt keine Tiefe, und es gibt doch den Zoom, der so nah ist, wie man es in der Natur niemals wagen würde. Natur kennt Fische anders. Wir kennen sie anders. Wir bestaunen sie hinter Glas (im Aquarium), oder zigfach anonymisiert auf Eis im Laden. Aber so nahe, so nahegehend?

Ein Fisch hat nicht viel zu bieten. Meister der Pferdemalerei wie Krüger, Herring, Wouwerman hätten nicht viel Spaß an ihnen gehabt, keine Muskulatur, keine Performance, kein Individuum, kein Wertobjekt, nur Plattheit, Gräten und Schillern. Jeder Fisch ist bloß Fisch, und stets einer von vielen. Wie die vielen Betrachter davor. Die schauen auch intensiv, auf der Suche nach guter Kunst, nach neuen Erfahrungen, vergessen ihr Selbst und finden es leider doch nicht wieder bei so vielem, was sich Kunst nennt und keine ist.

Fontaine wandelt diese Fische in Persönlichkeiten, sie spiegeln die Betrachter, und das ohne Grinsen der Gioconda. Ein Fisch lächelt nicht. Wie wir, wie so viele, die nicht in Best- und Porträtlaune sind.

Aber er hat Magie: sein Blick trifft, hält fest, erinnert, weckt. Was braucht man, was will man mehr von Kunst?

Joachim Fontaine