Puppen

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Zu meinem 15. Geburtstag durfte ich mir auf dem Metzer Flohmarkt eine alte Puppe aussuchen. Ich erinnere mich noch, dass es leicht nieselte. Und irgendwo zwischen Kisten und Kästen, Kartons und Kleiderständern entdeckte ich sie dann, meine wunderschöne Puppe. Sie war allerdings etwas ramponiert – mit verfilzter Perücke und zerschlissenem Spitzenkleid. Sie wirkte fragil, verletzlich und etwas morbide – und löste damals sofort meinen Beschützerinstinkt aus.

Aus der Modepuppe entwickelte sich im 19. Jahrhundert die Puppe der Kinderstube, mit der das heranwachsende Mädchen damals übrigens bis zur Pubertät spielte. Danach verschwand das Spielzeug in Kartons, in Schränken und auf Dachböden.
Die Puppen, die ich als Modelle auswähle, sind ausnahmslos zwischen 1900 bis 1930 entstanden. Dabei ist es mir ein Anliegen, jede einzelne Puppe in einem ihr eigentümlichen Farbraum darzustellen.
Das gelingt mir möglicherweise durch die Verwendung subjektiver Farben, d.h. einer Vielzahl warmer und kalter Farbnuancen und Farbkontraste, die von den realen Farben stark abweichen können.
Bei Puppen handelt es sich um staunenswerte Gebilde, um eigentümliche Zwitterwesen. Irgendwo zwischen Mensch und Ding verortet, gleichen ihre Physiognomie-Daten eher stereotypen Bildformeln. Eine wichtige Eigenart, das Moment des Einzigartig-Zufälligen, die sogenannte Okkasionalität, die das Individuum als unverwechselbare Person ausweist, scheint den Puppen zu fehlen. Und trotzdem wirken gerade alte Puppen auf magische Weise beseelt.
Die Ebenmäßigkeit der Gesichtszüge, die Reglosigkeit der teilweise ramponierten Körper, die verwischten Bemalungen im Bereich der Wimpern und Augenbrauen, die knospenartigen Mündchen, die makel- und faltenlose Glätte der Gesichts-Oberflächen, auch die verstaubten Perücken-Frisuren und zerschlissenen Kleidchen lösen beim Betrachter mitunter eine Skala starker Gefühle aus: von Beschützerinstinkten, gepaart mit puppenmütterlicher Wärme und Glückseligkeit, Sehnsucht nach Geborgenheit, bis hin zu Unlust, Unbehagen, Schrecken, Ablehnung und Ekel.

Meine gemalten Puppen würde ich nicht als schön bezeichnen. Sie lösen als Vanitas-Symbole und Metaphern für Vergänglichkeit mit ihren fehlenden oder verdrehten Gliedern, Verschmutzungen, sprich: ihrer mangelnden Perfektion eher Unbehagen aus. Aus den Puppengesichtern blickt eine fremde Kindheit zu uns herüber: Fragil, verletzlich, melancholisch – und dennoch ungeheuer präsent, kraftvoll, sogar tröstlich.
Und all diese Gefühle vermögen es vielleicht, ein Tor zu öffnen: zu unserem eigenen, weit entfernten Kinder-Ich – und vielleicht auch zu der längst verlorenen Kindheit unserer Mütter und Großmütter.