Albert Weisgerber Serie

Weisgerber im Stil des Verismus
Weisgerber im Stil des Verismus

In dieser Serie beschäftige ich mich mit dem Maler und Grafiker Albert Weisgerber, der als aufstrebendes Künstler-Talent leider wie viele seiner männlichen Zeitgenossen sein Leben auf einem Schlachtfeld des ersten Weltkrieges verlor, bevor sich sein Individualstil endgültig manifestieren konnte. Meine Konzeption der Serie folgte einer spannenden Frage: In welche Kunstrichtung hätte sich Weisgerber weiterentwickelt, wenn er tatsächlich den Schützengraben überlebt hätte? Ich malte auf der Grundlage historischer Schwarz-Weiß-Fotos Porträts in verschiedenen Stilrichtungen, die für ihn in Frage hätten kommen können – wobei mein persönlicher Tipp in Richtung „Neue Sachlichkeit“ geht. Als guter Zeichner hätte er vielleicht den für sich selbst kurz vor seinem Tod entdeckten Expressionismus irgendwann wieder hinter sich gelassen.
Als Grafiker, der an eine schnelle Umsetzung seiner Motive gewöhnt war, ließ Albert übrigens viele seiner deutlich mehr Zeit erfordernden Öl-Gemälde unvollendet zurück, so auch ein verschollenes Selbstporträt, für das er sicherlich Extra-Skizzen und Studien von Händen hätte vornehmen müssen, um das Bild fertig zu stellen. Ich habe mir daher erlaubt, in meiner Version „Weisgerber im Stil des Verismus“ eine solche Hand, (:seine linke Hand, mit der rechten musste er ja den Pinsel halten), diesmal durchgearbeitete zu zitieren.

Weisgerber in der Maske eines Kriegers
Weisgerber in der Maske eines Kriegers

Interessant ist meiner Meinung nach auch das Gemälde „Weisgerber in der Maske des Kriegers in Schwarz-Rot-Gold“. Der St. Ingberter Künstler war ein begnadeter Selbstdarsteller und Possenreißer, der die Bühne liebte und das Soldatenleben möglicherweise zunächst neben Prestige-Gewinn, auch als spannendes Abenteuer und Rollenspiel (daher die Maskerade als Krieger) ansah. Das angedeutete Hitler-Bärtchen unterhalb der Halbmaske deutet auch auf einen anderen Soldaten seiner Kompanie hin, dessen direkter Dienstvorgesetzter Albert Weisgerber gewesen war: Es handelt sich um einen Gefreiten namens A. Hitler.

In dem Bild „Weisgerber als Ikone“ schließlich setze ich mich leicht ironisch mit dem Hype und Genie-Kult rund um Weisgerber auseinander. Ich selbst lebe seit ein paar Jahren übrigens in Alberts Geburtsstadt – und Weisgerber mäandrierte im gesamten Jubiläums-Jahr 2015 als bedeutendster Künstler des Saarlandes und berühmtester Sohn der Stadt in mannigfaltigen Gestalten und Formationen durch die Region. In der griechisch-orthodoxen Liturgie existieren sogenannte „Kuss-Ikonen“, die mit Goldgrund und collagierten Teilen versehen sind – und die in der Ostkirche im Gottesdienst oder bei Prozessionen sicherheitshalber vor begeisterten Gläubigen mittels Glasscheiben geschützt werden müssen. Durch das Anlegen einer Halb-Maske entzieht sich meine Weisgerber-Interpretation einer eindeutigen Identifizierung und hinterlässt eine eher ratlose Fan-Gemeinde. Was könnte für uns „Erschauer“ und Betrachter nach seiner möglichen Apotheose auf dem irdischen „walk of fame“ überhaupt noch übrig bleiben?

Weisgerber-Ikone im Prunkrahmen
Weisgerber-Ikone im Prunkrahmen

Reliquien in Form von Schreibmappen, Postkarten, Stofftaschen und dergleichen, aber sicherlich auch sehr viele, zeitgeschichtlich interessante Original-Grafiken, einige wirklich tolle Bilder, ein bisschen Sternenstaub und, nicht zu vergessen: ein schillernder Künstler-Mythos, den wir Nachgeborenen der Zeit entrissen haben…

Aber das alte Schwarz-Weiß-Foto-Material: unscharf, Albert in Drauf-oder Untersicht, Plastizität: Fehlanzeige… Eine ziemliche Herausforderung, danach arbeiten zu müssen…. Seine Kinnpartie (wahrscheinlich tendenziell ein „fliehendes“ Kinn) ist mir übrigens ein Rätsel geblieben. Lustig war für mich die Erkenntnis, dass auch Weisgerber mit den gleichen Fotografien gearbeitet und somit auch mit den gleichen Tücken gekämpft zu haben scheint. Nur konnte er natürlich auch zusätzlich in den Spiegel schauen.